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Selbstgesteuertes Lernen – Zeitmanagement überfordernd?

Nachdem ich nun einige Aufträge im selbstgesteuerten Lernen erledigt habe und somit diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht habe, stellt sich mir immer mehr die Frage, ob dies nicht mit einer gewissen (vor allem das Zeitmanagement betreffenden) Überforderung einhergeht. Das Positive ist ja eigentlich gerade, dass alle ihr eigenes Zeitmanagement haben können und die Aufträge dann erledigen, wenn sie Lust und Zeit dazu haben. Aber genau das mit der Lust ist das Problem. Ich merke bereits bei mir, dass ich dazu tendiere, alles vor mir her zu schieben – und stelle das auch bei anderen fest, die ihre Aufträge relativ kurz vor der Abgabe erledigen. Haben wir nicht plötzlich immer etwas anderes, das uns ablenkt? Plötzlich ist es uns wahnsinnig wichtig anstelle der eigentlich wichtigeren Lernjobs unseren Badezimmerboden zu putzen oder endlich mal unsere Küchenschränke auszumisten. Oder wir schreiben eine Prüfung, die von den Schülerinnen und Schülern erst in fünf Wochen zu schreiben ist. Alles wird plötzlich wahnsinnig wichtig, dringend und interessanter. Selbst Dinge, die wir sonst auch immer aufschieben würden.

„Innerer Schweinehund“ versus Zeitmanagement

Da es sich bei uns allen um angehende bzw. bereits tätige Lehrpersonen handelt, frage ich mich, ob dieses selbstgesteuerte Lernen wirklich etwas ist, was wir für unsere Schülerinnen oft anwenden können. Wenn wir ehrlich sind – schaffen es nicht auch wir kaum, unseren „inneren Schweinehund“ zu überwinden und uns endlich mal an die Arbeit zu machen? Haben nicht sogar wir immer wieder „etwas Wichtigeres“ oder „etwas Dringenderes“ zu tun? Selbst uns fällt das Zeitmanagement schwer, auch wenn wir alters- und bildungsmässig unseren Schülerinnen und Schülern überlegen sind und es sicherlich grundsätzlich besser wüssten.

Ungenutzte Zeit und Abgabestress

Das selbstgesteuerte Lernen mit den neuen Medien ist bestimmt eine sehr gute Sache und bietet viele Vorteile – aber vor allem einen Nachteil, der meiner Meinung nach menschlich ist: Wir sind Aufschieber. Wie können wir das überwinden und dann auch unseren Schülerinnen und Schülern beibringen?
Wenn meine Schülerinnen und Schüler eine Auswahl an Aufträgen erhalten, die sie zu einem Literaturprojekt lösen müssen, dann beobachte ich jeweils dasselbe wie nun auch bei mir und eben auch bei einigen anderen Lehrpersonen. Vieles wird erst auf den letzten Drücker gelöst und viel Zeit verstreicht ungenutzt, auch wenn dafür Schulstunden zur Verfügung stehen. Vor allem die schwächeren Schülerinnen und Schüler sitzen lange herum und schaffen es nicht, sich selbst zu motivieren. Die starken Schülerinnen und Schüler haben schnell ein Konzept, nutzen die ihnen zur Verfügung gestellte Zeit und sind oftmals auch schon vor der Abgabefrist fertig. Die schwächeren aber dümpeln herum und haben dann vor allem kurz vor Abgabefrist einen übergrossen Stress.

Das liebe Kurzzeitgedächtnis
Manchmal bin ich geneigt zu denken, dann haben sie eben diesen Stress und sie werden es dann beim nächsten Mal merken: Aus Erfahrung weiss ich aber, dass es gewisse gibt, die es selbst beim dritten oder vierten Mal immer noch gleich machen und der Lerneffekt beim Zeitmanagement ziemlich klein bleibt. Und wenn wir ehrlich sind: Ist unser Stress nicht kurz vor Abgabe auch immer der grösste? Auch ich nehme mir in dieser Phase dann immer vor, dass ich das nächste Mal früher beginne – aber das menschliche Gedächtnis ist leider so kurz, spätestens zwei Monate später ist der Stress wieder vergessen und weicht wieder dem „Aufschiebetier“.

Ich frage mich deshalb, ob es einen Weg aus dieser Aufschiebementalität gibt: Klar, es gibt Pläne, die man sich machen kann – aber sind wir ehrlich, geschrieben sind diese schnell, aber halten wir uns dann tatsächlich daran? Papier ist geduldig. Und was von Vorsätzen zu halten ist, wissen wir ja auch aus der Silvesternacht…

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Genial altbacken

In diesem Blogeintrag möchte ich eine Kolumne teilen, indem ich sie hier hineinstelle und “Genial altbacken” nicht den Link teile – da dieser nicht zu teilen ist, da Bezahlzeitung. Bei dieser Gelegenheit: Ist es eigentlich erst eine Verletzung des Copyrights, wenn ein Schriftstück kommerziell weiterverwendet wird? Bin ich nun auch eine Plagiererin (oder wie lautet das Nomen für eine Frau, die sich eines fremden Schriftstücks bedient?)?

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Schule
Genial altbacken
von Lucien Scherrer / Weltwoche 1/2013

Moderne Unterrichtsmethoden sind besser. Aber nur in der Theorie.

Wenn ein Lehrer vor der Klasse steht und alle Schülern gleichzeitig erklärt, wie der Satz des Pythagoras funktioniert, so nennt man das heute abschätzig: Frontalunterricht. Der Klassenunterricht, wie er eigentlich heisst, steht bei “progressiven” Bildungstheoretikern etwa so hoch in Kurs wie das Feldschiessen oder das Konkurrenzdenken. Die Schüler, so ihre Kritik, würden nach dem Giesskannenprinzip mit Wissen gefüttert und so zu unselbstständigen Konsumenten erzogen. Zeitgemässer Unterricht hat gemäss “moderner” Lehre nach dem Lustprinzip zu funktionieren: Der Lehrer ist eine Art “Coach” im Hintergrund, die Kinder bestimmen selbst, was sie gerade lernen wollen. In der Praxis sieht das etwa so aus: Fritzli übt Pantomime, Heidi löst Rechenaufgaben, Abdul hat gerade keine Lust auf Lernen und erholt sich auf dem Klassensofa. “Schülerzentrierter Unterricht” oder “selbstgesteuertes Lernen” nennt man das, und selbstverständlich ist für dessen Anhänger klar, dass dieses Prinzip dem altbackenen Frontalunterricht haushoch überlegen ist.

Von positiven Effekten keine Rede

Wissenschaftlich belegen liess sich das bisher allerdings nicht, im Gegenteil. “Frontalunterricht macht klug”, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich. Die Zeitung stützt sich auf die Arbeit “Is Traditional Teaching Really all that bad?”, die der Münchner Wissenschaftler Guido Schwerdt 2011 veröffentlichte. Da es für Deutschland kaum Datenmaterial gibt, wertete Schwerdt grossangelegte Schülerbefragungen und -tests aus den USA aus. Dabei zeigte sich, dass Schüler, die nach traditionellen Methoden unterricht wurden, in Wissenstests signifikant besser abschnitten als jene, die sich selbstgesteuert bildeten.
Von einem positiven Effekt der neuen Methoden, so Schwerts Fazit, könne keine Rede sein. Natülich lassen sich die Verhältnisse in den USA nicht 1:1 auf Deutschland oder die Schweiz übertragen. Doch wer sich hierzulande bei Lehrern, Schülern und Eltern umhört, die mit selbstgesteuerten Expertinnen konfrontiert sind, ist über das Ergebnis der Studie kaum überrascht. In der Praxis sind schwache und mittelmässige Schüler mit der grossen Freiheit überfordert, die Motivation sinkt. Die Beförworter konstruktivistischer Theorien haben sich bisher darauf beschränkt, ihre Überlegenheit philosophisch zu begründen. Dabei wäre es eigentlich an ihnen, wissenschaftliche Beweise zu liefern.

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Folgende Gedanken gehen mir zu diesem Artikel durch den Kopf:

A) Wenn die Lehrperson gut ist, ist die Methode zweitrangig.

B) Natürlich will gerade “Abdul” nichts machen, sondern einfach nur “chillen”…

C) Hat je jemand davon gesprochen, dass es überhaupt keinen Frontalunterricht mehr geben soll?

D) Kann man die US-Schulen tatsächlich mit Schweizer Schulen vergleichen?

E) Sind Wissenstests nicht gerade in den USA an der Tagesordnung?

F) Hat man auch getestet, wie lange das Wissen den Schülerinnen und Schülern nach dem Test noch geblieben ist?

G) Können nicht gerade schwache Schülerinnen und Schülern bei Lernaufträgen durch Fleiss eine gute Note herausholen?
Fleiss -> gute Note -> gesteigerte Motivation -> bessere Schülerinnen und Schüler